brauchen Molosser eine starke Hand?

Aktualisiert: 31. Mai 2019


„Also mit dem Hund kannste aber nicht mit Gutschigutschi erziehen!“ So was hört man oft in Verbindung mit richtig großen, starken Hunden. Aber stimmt das auch? Karin Jüngling hat so ihre Erfahrungen mit richtig großen, starken Hunden.


„Doggenartige Hunde“

Was haben Deutsche Dogge, American Staffordshire Terrier, Pitbull und Mops gemeinsam? Sie gehören alle zu den Molossern, aber natürlich gibt es noch viele weitere sogenannte „bullartige“ Rassen.

Was sind denn eigentlich Molosser genau?

Mächtige doggenartige Hunde wurden schon rund 2000 Jahre v. Chr. von Babyloniern und Assyrern in den Kriegen um Vorderasien eingesetzt. Unter Xerxes gelangte 480 v. Chr. eine große Anzahl sog. "Molosser" nach Europa.

Die Molosser waren ursprünglich ein Volk in Epirus, einem Landstrich im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Griechenland und Albanien. Ihre Hirtenhunde wurden später nach ihnen benannt. Heute ist "Molosser" der Oberbegriff für sehr große und massige Hundetypen, aber auch für die Züchtungen die aus Ihnen entstanden sind.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die ursprüngliche Rasse mit anderen gekreuzt. Zu den Molossern gehören heute unter anderem Hunde, wie die Bordeauxdogge, der Bullmastiff oder der Mastín Español, der Mastino Neapoletano oder auch der Bernhardiner. Erst seit beginn des 19. Jahrhunderts wurden diese "molossoiden" Rassen als eigene Standards festgelegt.

Zu den großen molossoiden Hunderassen mit breitem Fang und mehr oder minder loser Haut gehören neben den erwähnten Rassen noch weitere: Deutsche Dogge, Boxer, Rottweiler, alle Sennenhunde, Boston Terrier, American Bulldog und American Bullys, American Pitbull, American Staffordshire Terrier, die Englische und die Französische Bulldogge und als kleinste Rasse auch der Mops. Diese Auflistung ist nicht vollständig, soll aber die gängigsten Rassen aufzählen.

Das hat allerdings nichts mit der heutigen Gliederung der Verbände, wie z.B. dem FCI zu tun. Dort ist zum Beispiel der American Staffordshire Terrier in der Gruppe 3 Terrier/Sektion 3 Bullartige Terrier. obwohl es sich Rasse-geschichtlich um einen Pitbull handelt. Diese Rasse-Gliederungen und damit die Listung bei den Verbänden kam also erst viel später, ab ca. 1936.

Für alle die sich, wie ich für die Historie von Hunden interessieren, gibt es unter dem folgenden Link eine Dissertation von Andrea Steinfeldt 2002. https://elib.tiho-hannover.de/dissertations/steinfeldta_2002

Sucht man bei Wikipedia nach dem Begriff „Molosser“, findet man folgende Beschreibung: „Molosser ist in der Kynologie ein Oberbegriff für massige und muskulöse Hundetypen. Vom Körperbau her sind es also stattliche Tiere, entweder groß wie ein Pony, stark bemuskelt oder sogar schlanke Hunde, aber mit breitem Schädel. Einige Molosser haben einen Unterbiss, eine verkürzte Schnauze und ein faltiges Gesicht, was sie sehr grimmig und gefährlich aussehen lässt. Die kleinsten „bullartigen Rassen“, wie der Mops und die Französische Bulldogge, sind nach dem „Kindchenschema“ gezüchtet worden, um möglichst niedlich auszusehen. Zu den bullartigen Typen gehört auch der Urvater der Molosser, die englische Bulldogge. Oft sieht man diese Hunde mit breiten Halsbändern oder gar Kettenhalsbändern, um die zusätzlich optische Stärke zu betonen. Sie sind also die „Bodybuilder“ unter den Hunden, die eine starke Präsenz haben und so Sicherheit beim Gassigehen vermitteln sollen.

Harte Schale, weicher Kern

Das erinnert mich gerade an einen Bodybuilder-Typ, der im Fernsehen ein Interview gegeben hat. Er war dabei, seine Antwort auszuführen, als eine mittelgroße Spinne sich von der Zimmerdecke herab ließ. Die Spinne hangelte sich an ihrem Faden direkt vor das Gesicht des muskulösen Mannes. Er fing sofort an zu schreien und sprang gefühlt zwei Meter rückwärts, kreischend wie ein kleines Mädchen! Ich musste so herzlich laut lachen, vor allem, weil ich vor einiger Zeit die gleiche Situation mit meinem American Staffordshire Terrier im Wohnzimmer erlebt hatte. Im krassen Gegensatz zur Optik sind die Molosser äußerst sensibel! Aus meiner Erfahrung als Hundetrainerin und Molosserbesitzerin würde ich sogar sagen, dass sie mindestens so sensibel sind wie die zarten Hütehunde (z.B. Border Collies, Australian Shepherd). Tatsächlich ist das gar nicht verwunderlich, denn auch die Molosser wurden in ihrer Rassegeschichte als Treibhunde oder Hütehunde eingesetzt. Es ist also nur ein Bodybuilder-Kostüm, unter dem eher so etwas wie eine kleine und zarte Eisprinzessin steckt, um bei der bildlichen Darstellung zu bleiben.

Schmuser

Molosser sind sehr anhängliche „Couchpotatoes“, die zu gerne nicht nur neben uns auf dem Sofa liegen, sondern am liebsten in uns hineinkriechen würden. Viele Molosser die ich kenne, gehen nicht so gerne im Regen spazieren und einige bleiben auch lieber beim Anblick der Leine auf der Couch oder in ihrem Bettchen liegen, anstatt vor Freude auszurasten. Familienfreundlich kann man sie auf jeden Fall bezeichnen, denn die Ruhe, die sie ausstrahlen und diese „Engelsgeduld“, machen sie zum perfekten Familienbegleiter.

„Du musst dich durchsetzen!“

Merkwürdig ist es denn vor diesem Hintergrund, dass Besitzern von bullartigen Hunden immer noch so oft angeraten wird: “Du musst dich durchsetzen!“ – „Er muss wissen wer der Chef ist“ – „Der tanzt dir auf der Nase rum!“ Man muss allerdings wissen, dass Molosser sich körpersprachlich ganz anders äußern als andere Rassen. So sieht man den Molossern mit vorhandener Rute die Ängste, die sie haben, oft nicht an, weil sie die Rute nicht oder nur selten unter den Bauch klemmen. Sie wirken also auch in den für sie schwierigen oder beängstigenden Situationen immer noch souverän, obwohl die kleine Eisprinzessin, die unter dem Bodybuilder-Kostüm steckt, eigentlich gerade losheulen und in den Arm genommen werden möchte und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass Mama oder Papa sie aus der Situation rausholt. Zu Situationen, in denen die Besitzer den Hund anschreien, weil er einfach nicht kommen will, oder Signale ignoriert, könnte man sich schnell zu dem Satz hinreißen lassen: „Der ist einfach stur und will nur seinen Kopf durchsetzen!“ Tatsächlich aber handelt es sich auch hier um eine Fehleinschätzung, denn der Hund möchte ja kommen, aber er merkt gerade, dass Mama oder Papa richtig schlechte Laune bekommen und laut werden. Warum also sollte er dann kommen? Molosser neigen dazu, sich in sich zu kehren, um eine solchen Situation zu bewältigen, was natürlich nicht wirklich klappt. Die Besitzer werden vermutlich trotzdem lautstark kommen, am besten direkt anleinen und dann noch mit einem Leinenruck klar machen, wer denn nun der Boss ist. Würde man genau so handeln, wenn in der Situation die kleine Eisprinzessin weinend auf dem Boden sitzt, weil Mama oder Papa laut geworden sind?

Muskeln und Sensibilität

Die eindrucksvolle physische Präsenz zeigt: Muskeln und Sensibilität müssen sich nicht ausschließen. Es ist mittlerweile erwiesen, dass Leinenaggression (Hund zu Hund) oft ein Resultat von Leinenruck, Stachelhalsbändern oder sonstigen aversiven Mitteln sein kann! Der Hund verknüpft den Schmerz mit dem Artgenossen, den er sieht, und nicht mit der Leine, dem Halsband oder dem Besitzer. Er entscheidet sich dann zum Angriff um den „schmerzenden Feind“ zu vertreiben, das heißt er springt Vollgas in die Leine, bellt und knurrt den anderen Hund an. Durch die Wirkung u.a. des Noradrenalins wird das Verhalten für die Zukunft fixiert. Ein anderer Hund bedeutet Schmerz. Ich habe meine zwei Molosser positiv erzogen und das heißt bitte nicht, dass ich ohne Leckerchen nicht aus dem Haus gehen kann, weil sie sonst nicht auf mich hören! Ich habe ihnen beigebracht, Signale zu generalisieren. Sie können die Signale in jeder Situation umsetzen. Das Schöne ist, dass ich auch nie laut werden muss, denn beide Hunde haben ein hervorragendes Gehör und freuen sich über jedes „Sitz, Platz, Komm“, um aus einer unangenehmen Situation herauszukommen. Sie haben gelernt, dass ich es sehe, wenn sie Angst haben oder ihnen eine Situation unangenehm ist und sie nehmen meine Hilfestellung gerne an, um aus der Situation herauszukommen oder schlicht den Abstand zu vergrößern.

Wie schön wäre die Welt der Molosser, wie viel harmonischer das Zusammenleben zwischen ihnen und ihren Menschen, denn gerade aufgrund ihrer Sensibilität lohnt es sich, Molosser nicht aversiv / strafend, sondern mit positiver Verstärkung zu erziehen. Es lohnt sich!




Brauchen Molosser eine harte Hand?

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Inhaberin: Karin Jüngling

Spezialistin für Training mit reaktiven, ängstlichen & aggressiven Hunden